Worum geht es in dieser Folge?
Die Diagnose Nierenkrebs führt bei vielen Betroffenen zunächst zu der Sorge, dass die gesamte betroffene Niere entfernt werden muss. Bei einem örtlich begrenzten Nierentumor ist das heute jedoch längst nicht immer notwendig. Abhängig von Größe, Lage und Ausdehnung des Tumors kann häufig nur das erkrankte Gewebe entfernt und der gesunde Teil der Niere erhalten werden.
Dieses organerhaltende Verfahren wird Nierenteilresektion oder partielle Nephrektomie genannt. Ziel der Operation ist es, den Tumor vollständig und mit einem sicheren Rand zu entfernen, gleichzeitig aber möglichst viel funktionsfähiges Nierengewebe zu bewahren.
In dieser Folge des Urokompetenz Podcasts erklärt Priv.-Doz. Dr. J.H. Witt, wann ein Nierenerhalt bei Nierenkrebs möglich sein kann, welche Faktoren die Operationsplanung bestimmen und warum nicht allein die Größe eines Tumors über das geeignete Vorgehen entscheidet. Außerdem geht es um die roboterassistierte Nierenteilresektion und um Situationen, in denen die vollständige Entfernung der Niere medizinisch sinnvoller sein kann.
Was ist eine Nierenteilresektion?
Bei einer Nierenteilresektion wird nicht die gesamte Niere entfernt. Der Operateur löst den Tumor zusammen mit einem kleinen Sicherheitsbereich aus dem umgebenden Nierengewebe. Anschließend werden eröffnete Blutgefäße und gegebenenfalls Anteile des Harnableitungssystems sorgfältig verschlossen und die Niere rekonstruiert.
Das entfernte Gewebe wird anschließend feingeweblich untersucht. Die Pathologie klärt unter anderem, um welche Tumorart es sich handelt, wie aggressiv die Tumorzellen erscheinen und ob der Tumor vollständig entfernt wurde.
Die Operation soll zwei wichtige Ziele miteinander verbinden: eine zuverlässige Behandlung der Krebserkrankung und den bestmöglichen Erhalt der Nierenfunktion.
Warum ist der Erhalt der Niere wichtig?
Die Nieren filtern Abfallstoffe aus dem Blut, regulieren den Flüssigkeits- und Salzhaushalt und sind an der Steuerung des Blutdrucks sowie an weiteren wichtigen Körperfunktionen beteiligt. Je mehr gesundes Nierengewebe erhalten werden kann, desto größer ist grundsätzlich die funktionelle Reserve für die Zukunft.
Das kann insbesondere für Menschen wichtig sein, die bereits eine eingeschränkte Nierenfunktion haben oder bei denen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder andere Nierenerkrankungen bestehen. Auch bei nur einer funktionsfähigen Niere oder bei Tumoren an beiden Nieren besitzt der Organerhalt eine besondere Bedeutung.
Trotzdem darf die Tumorsicherheit nicht zugunsten des Nierenerhalts vernachlässigt werden. Eine Teilentfernung ist nur sinnvoll, wenn der Tumor technisch sicher entfernt und ausreichend gesundes, funktionsfähiges Nierengewebe bewahrt werden kann.
Wovon hängt die Möglichkeit des Nierenerhalts ab?
Ob eine Nierenteilresektion möglich ist, wird anhand der individuellen Befunde beurteilt. Eine wichtige Grundlage bilden kontrastmittelgestützte Schnittbilder, meist eine Computertomografie oder Magnetresonanztomografie.
Dabei betrachtet das Behandlungsteam nicht nur den Durchmesser des Tumors. Ebenso wichtig sind seine genaue Lage und seine Beziehung zu den Blutgefäßen, zum Nierenbecken und zu den ableitenden Harnwegen.
Ein Tumor an der Außenseite der Niere kann häufig leichter organerhaltend entfernt werden als ein tief im Nierengewebe liegender Tumor in unmittelbarer Nähe großer Gefäße. Umgekehrt bedeutet ein größerer Tumor nicht automatisch, dass die gesamte Niere entfernt werden muss. Bei entsprechender Lage und ausreichender operativer Erfahrung kann auch bei komplexeren Befunden eine Teilentfernung möglich sein.
In die Entscheidung fließen unter anderem folgende Faktoren ein:
- Größe und genaue Lage des Nierentumors
- Ausdehnung des Tumors innerhalb und außerhalb der Niere
- Nähe zu Nierengefäßen und Nierenbecken
- Funktion der betroffenen und der gegenüberliegenden Niere
- Vorhandene Nierenerkrankungen und weitere Vorerkrankungen
- Alter und allgemeiner Gesundheitszustand
- Technische Durchführbarkeit einer vollständigen Tumorentfernung
- Erfahrung des Operateurs mit komplexen nierenerhaltenden Eingriffen
In dieser Folge erfahren Sie
- Warum bei Nierenkrebs nicht immer die gesamte Niere entfernt werden muss
- Was unter einer Nierenteilresektion verstanden wird
- Welche Ziele eine organerhaltende Operation verfolgt
- Warum die Lage eines Tumors ebenso wichtig ist wie seine Größe
- Wie CT- oder MRT-Aufnahmen bei der Operationsplanung helfen
- Welche Bedeutung die persönliche Nierenfunktion besitzt
- Wie eine roboterassistierte Nierenteilresektion abläuft
- Wann die vollständige Entfernung der Niere notwendig werden kann
- Warum die Erfahrung des operierenden Teams eine wichtige Rolle spielt
- Welche Nachsorge nach einer Nierenkrebsoperation erforderlich ist
Wie läuft eine roboterassistierte Nierenteilresektion ab?
Eine Nierenteilresektion kann abhängig vom Befund offen, klassisch laparoskopisch oder roboterassistiert durchgeführt werden. Bei der roboterassistierten Operation werden eine Kamera und feine Instrumente über mehrere kleine Zugänge in den Körper eingebracht.
Der Operateur steuert die Instrumente vollständig von einer Konsole aus. Das System operiert nicht selbstständig. Es überträgt die Bewegungen des Chirurgen auf die Instrumente und ermöglicht eine vergrößerte, räumliche Darstellung des Operationsgebietes.
Während des Eingriffs wird der Tumor genau lokalisiert. Bei Bedarf kann ein Ultraschall direkt an der Niere eingesetzt werden, um seine Grenzen und seine Beziehung zu tiefer liegenden Strukturen darzustellen.
Bei vielen Eingriffen wird die Blutversorgung der Niere für einen begrenzten Zeitraum unterbrochen, damit der Tumor kontrolliert entfernt und die Niere anschließend rekonstruiert werden kann. Wie dabei vorgegangen wird, hängt von der Anatomie, der Tumorlage und der gewählten Operationstechnik ab.
Die roboterassistierte Technik kann den Operateur insbesondere bei der präzisen Präparation, der Entfernung des Tumors und dem anschließenden Verschluss des Nierengewebes unterstützen. Entscheidend bleibt jedoch nicht allein das eingesetzte System, sondern die Erfahrung des Operateurs und des gesamten Behandlungsteams.
Wann muss die gesamte Niere entfernt werden?
Nicht jeder Nierentumor kann sinnvoll organerhaltend behandelt werden. Eine vollständige Entfernung der betroffenen Niere, die sogenannte radikale Nephrektomie, kann beispielsweise bei sehr großen, weit ausgedehnten oder ungünstig gelegenen Tumoren erforderlich sein.
Sie kann auch notwendig werden, wenn der Tumor zentrale Bereiche der Niere, große Gefäße oder umliegende Strukturen betrifft und eine Teilentfernung keine ausreichende Tumorsicherheit oder keine sinnvoll erhaltene Nierenfunktion erwarten lässt.
Die vollständige Entfernung einer Niere bedeutet nicht automatisch, dass anschließend eine Dialyse notwendig wird. Wenn die andere Niere gesund ist und ausreichend arbeitet, kann sie die benötigte Nierenfunktion in vielen Fällen übernehmen. Dennoch sollte vor der Operation sorgfältig geprüft werden, ob ein Organerhalt technisch und medizinisch möglich ist.
Muss jeder kleine Nierentumor sofort operiert werden?
Nicht jede auffällige Raumforderung der Niere muss unmittelbar operiert werden. Bei sehr kleinen Nierentumoren, älteren oder gesundheitlich stark vorbelasteten Menschen kann unter bestimmten Voraussetzungen eine aktive Überwachung infrage kommen.
Dabei wird der Befund in festgelegten Abständen mit CT, MRT oder Ultraschall kontrolliert. Eine Behandlung kann erfolgen, wenn der Tumor deutlich wächst oder sich andere relevante Veränderungen zeigen.
Für ausgewählte Patienten stehen außerdem lokale Verfahren wie eine Hitze- oder Kältebehandlung zur Verfügung. Welches Vorgehen geeignet ist, hängt von den Eigenschaften des Tumors, dem allgemeinen Gesundheitszustand und den persönlichen Behandlungszielen ab.
Warum dieses Thema wichtig ist
Die Aussage „Bei Nierenkrebs muss die Niere entfernt werden“ ist heute zu pauschal. Bei vielen örtlich begrenzten Tumoren kann eine organerhaltende Operation eine zuverlässige Tumorbehandlung mit dem Erhalt möglichst vieler funktionierender Nephrone verbinden.
Gleichzeitig darf der Wunsch nach Nierenerhalt nicht zu unrealistischen Erwartungen führen. Nicht jeder Tumor lässt sich sicher teilweise entfernen. Die Entscheidung erfordert eine genaue Auswertung der Bildgebung, eine Beurteilung der Nierenfunktion und eine ehrliche Abwägung der onkologischen und operativen Risiken.
Vor einer geplanten vollständigen Nierenentfernung kann eine spezialisierte Zweitmeinung sinnvoll sein, insbesondere wenn unklar ist, ob eine Nierenteilresektion technisch möglich wäre. Dabei sollte nicht nur gefragt werden, ob sich der Eingriff minimalinvasiv durchführen lässt, sondern vor allem, ob der Tumor vollständig entfernt und gleichzeitig ausreichend funktionsfähiges Nierengewebe erhalten werden kann.
Diese Episode richtet sich an Menschen mit einem neu festgestellten Nierentumor sowie an Angehörige, die die Unterschiede zwischen Nierenteilresektion und vollständiger Nierenentfernung besser verstehen möchten.
Weiterführende Informationen
Weitere Informationen finden Sie auf urokompetenz.de unter „Nierenkrebs-Behandlung: Fachärztliche Expertise für den Erhalt Ihrer Niere“.
Video zur Folge
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenMedizinischer Hinweis
Diese Podcast-Folge dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob ein Nierentumor organerhaltend behandelt werden kann, muss anhand der Bildgebung, der Nierenfunktion, der Tumorausdehnung und der persönlichen gesundheitlichen Situation entschieden werden.