Worum geht es in dieser Folge?
Muss bei Prostatakrebs immer die gesamte Prostata behandelt oder entfernt werden? Die moderne Urologie verfolgt zunehmend auch Ansätze, bei denen gezielt nur der tumortragende Bereich behandelt wird. Eine dieser Möglichkeiten ist die fokale Therapie mit hochintensivem fokussiertem Ultraschall, kurz HIFU.
In dieser Folge des Urokompetenz Podcasts geht es um die aktuellen Entwicklungen der fokalen Therapie bei Prostatakrebs. Priv.-Doz. Dr. J.H. Witt beleuchtet die Möglichkeiten dieser organerhaltenden Behandlung und die Frage, welche Bedeutung neue wissenschaftliche Erkenntnisse für Patienten haben können.
Bei der HIFU-Therapie werden Ultraschallwellen gezielt in einem zuvor festgelegten Bereich der Prostata gebündelt. Durch die dabei entstehende Wärme soll das Tumorgewebe zerstört werden, während möglichst viel gesundes Gewebe erhalten bleibt. Ziel ist es, eine wirksame Krebsbehandlung mit einem möglichst geringen Risiko für funktionelle Einschränkungen zu verbinden.
Neue Langzeitdaten liefern wichtige Hinweise auf die Ergebnisse fokaler Behandlungsverfahren. Gleichzeitig bleibt die Frage entscheidend, welche Patienten von einer solchen Therapie profitieren können und wann etablierte Verfahren wie eine radikale Prostataentfernung oder Bestrahlung die geeignetere Behandlung darstellen.
In dieser Folge erfahren Sie
- Was unter einer fokalen Therapie bei Prostatakrebs zu verstehen ist
- Wie die HIFU-Behandlung mit hochintensivem fokussiertem Ultraschall funktioniert
- Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur fokalen Therapie vorliegen
- Warum langfristige Behandlungsergebnisse für die Bewertung wichtig sind
- Welche Bedeutung der Erhalt von Kontinenz und Potenz bei der Therapieentscheidung hat
- Für welche Patienten eine gezielte Behandlung des Tumors infrage kommen kann
- Warum MRT, Biopsie und eine genaue Beurteilung des Tumors entscheidend sind
- Welche Grenzen und möglichen Risiken die fokale Therapie hat
- Weshalb auch nach einer erfolgreichen HIFU-Behandlung eine langfristige Nachsorge notwendig bleibt
Warum dieses Thema wichtig ist
Prostatakrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Männern. Wird ein Tumor frühzeitig erkannt, stehen abhängig von seiner Ausdehnung und Aggressivität verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Neben der radikalen Prostataentfernung und der Strahlentherapie kann bei bestimmten Patienten auch eine aktive Überwachung sinnvoll sein. Die fokale Therapie verfolgt einen weiteren Ansatz: Sie soll ausschließlich den betroffenen Bereich der Prostata behandeln, ohne das gesamte Organ entfernen zu müssen.
Das ist insbesondere deshalb interessant, weil sich in unmittelbarer Nähe der Prostata wichtige anatomische Strukturen befinden, die für die Harnkontrolle und die Erektionsfähigkeit von Bedeutung sind.
Wie funktioniert die fokale HIFU-Therapie?
HIFU steht für „High Intensity Focused Ultrasound“, also hochintensiven fokussierten Ultraschall.
Bei diesem Verfahren werden Ultraschallwellen in einem genau definierten Bereich innerhalb der Prostata gebündelt. Dort entsteht durch die konzentrierte Energie Wärme, die das behandelte Gewebe zerstört.
Die Behandlung erfolgt in der Regel über eine spezielle Ultraschallsonde, die über den Enddarm eingeführt wird. Äußere Hautschnitte sind dafür nicht erforderlich.
Moderne Systeme wie das Focal One® können Bildinformationen nutzen, um die Behandlung präzise zu planen und die Ultraschallenergie auf das vorgesehene Gewebe zu konzentrieren.
Das Ziel besteht darin, möglichst nur den tumortragenden Bereich einschließlich eines geeigneten Sicherheitssaums zu behandeln. Andere Teile der Prostata und angrenzende funktionell wichtige Strukturen sollen möglichst geschont werden.
Weitere Informationen zum Verfahren finden Sie unter HIFU-Therapie bei Urokompetenz.
Was zeigen neue Langzeitstudien zur fokalen Therapie?
Ein wesentlicher Punkt bei der Bewertung neuer Behandlungsmethoden ist die Frage, wie zuverlässig sie über einen längeren Zeitraum wirken.
Für die fokale Therapie liegen inzwischen zunehmend Daten aus größeren Patientengruppen vor. Eine 2026 veröffentlichte britische Registerauswertung untersuchte die langfristigen onkologischen Ergebnisse von 3.477 Männern, die wegen nicht metastasierten Prostatakrebses mit fokaler HIFU-Therapie oder Kryotherapie behandelt worden waren.
Die Auswertung zeigte eine niedrige prostatakrebsspezifische Sterblichkeit über den untersuchten Langzeitverlauf. Diese Ergebnisse sind ermutigend und liefern zusätzliche Informationen über die Möglichkeiten fokaler Behandlungsverfahren.
Allerdings müssen solche Daten sorgfältig eingeordnet werden. Die Untersuchung war keine randomisierte Studie, in der Patienten zufällig einer fokalen Therapie, Operation oder Bestrahlung zugeteilt wurden. Deshalb lässt sich aus den Ergebnissen nicht unmittelbar ableiten, dass alle Verfahren hinsichtlich ihrer langfristigen Wirksamkeit gleichwertig sind.
Auch die Häufigkeit notwendiger Nachbehandlungen ist für die Beurteilung wichtig. Ein Teil der Patienten benötigt nach einer fokalen Therapie weitere Eingriffe oder später eine andere Krebsbehandlung.
Die neuen Erkenntnisse verbessern somit die wissenschaftliche Grundlage für die Beratung, ersetzen jedoch keine individuelle Risikoeinschätzung.
Ausführlichere Informationen finden Sie im Beitrag Fokale Therapie bei Prostatakrebs: Schonende Behandlung mit guten Langzeitergebnissen.
Welche Vorteile kann eine fokale Therapie haben?
Der wichtigste mögliche Vorteil einer fokalen Behandlung besteht darin, dass nicht die gesamte Prostata entfernt oder behandelt werden muss.
Durch die gezielte Behandlung kann das Risiko bestimmter funktioneller Beeinträchtigungen geringer ausfallen. Besonders im Mittelpunkt stehen dabei zwei Aspekte der Lebensqualität:
Die Harnkontinenz, also die Fähigkeit, den Urin zuverlässig zu halten, ist für viele Patienten ein zentrales Anliegen. Ebenso wichtig ist häufig die Erektionsfähigkeit, die durch bestimmte Behandlungen des Prostatakrebses beeinträchtigt werden kann.
Da bei einer fokalen Therapie möglichst viel gesundes Gewebe erhalten bleibt, besteht die Chance, diese Funktionen besser zu bewahren.
Eine Garantie für den Erhalt von Kontinenz und Potenz ist das Verfahren jedoch nicht. Auch nach einer HIFU-Behandlung können beispielsweise Beschwerden beim Wasserlassen, Harnwegsinfektionen, Harnverhalt oder Veränderungen der Erektionsfähigkeit auftreten.
Welche Vorteile gegenüber anderen Behandlungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen, hängt von der individuellen Situation und den verfügbaren Vergleichsdaten ab.
Für wen kommt eine fokale HIFU-Behandlung infrage?
Nicht jeder Patient mit Prostatakrebs eignet sich für eine fokale Therapie.
Besonders wichtig ist, dass der Tumor innerhalb der Prostata ausreichend genau lokalisiert und seine Ausdehnung zuverlässig eingeschätzt werden kann.
Dazu werden mehrere Untersuchungen miteinander kombiniert. Hierzu gehören insbesondere die multiparametrische MRT der Prostata, die gezielte und gegebenenfalls systematische Prostatabiopsie, der PSA-Wert sowie die feingewebliche Einordnung des Tumors.
Von Bedeutung ist außerdem, ob sich möglicherweise weitere behandlungsbedürftige Tumorherde in anderen Bereichen der Prostata befinden.
Bei ausgedehnten, ungünstig gelegenen oder besonders aggressiven Tumoren kann eine fokale Behandlung ungeeignet sein.
Die europäischen urologischen Leitlinien empfehlen, fokale ablative Therapien derzeit im Rahmen klinischer Studien oder strukturierter Register einzusetzen. Grund dafür ist insbesondere, dass robuste vergleichende Langzeitdaten gegenüber etablierten Standardbehandlungen weiterhin begrenzt sind.
Die Entscheidung sollte deshalb auf Grundlage aller verfügbaren Befunde, der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse und einer ausführlichen Beratung getroffen werden.
Warum bleibt die Nachsorge besonders wichtig?
Nach einer fokalen HIFU-Behandlung bleibt ein Teil der Prostata im Körper. Deshalb kann der PSA-Wert weiterhin messbar sein und muss anders beurteilt werden als nach einer vollständigen Prostataentfernung.
Regelmäßige PSA-Kontrollen gehören ebenso zur Nachsorge wie bildgebende Untersuchungen. Abhängig vom Behandlungsprotokoll und den Befunden können auch erneute Prostatabiopsien notwendig werden.
Damit soll überprüft werden, ob das behandelte Tumorgewebe ausreichend zerstört wurde und ob in anderen Bereichen der Prostata behandlungsbedürftige Veränderungen bestehen.
Auch nach zunächst erfolgreicher Behandlung kann weiterer Prostatakrebs nachgewiesen werden. In bestimmten Situationen ist dann eine erneute fokale Behandlung oder eine andere Therapie erforderlich.
Wer sich für eine fokale Behandlung entscheidet, sollte deshalb nicht nur die möglichen Vorteile des Eingriffs kennen, sondern auch die Anforderungen an die langfristige Überwachung.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen insgesamt, dass die Behandlung von Prostatakrebs immer stärker auf den individuellen Patienten zugeschnitten werden kann. Entscheidend ist jedoch nicht, möglichst wenig zu behandeln, sondern die für den jeweiligen Tumor medizinisch sinnvolle Balance zwischen Krebsbekämpfung und Lebensqualität zu finden.
Weiterführende Informationen
Einen Überblick über die aktuelle Studienlage und neue wissenschaftliche Erkenntnisse finden Sie im Beitrag Fokale Therapie bei Prostatakrebs – Neue Langzeitergebnisse.
Wie die Behandlung mit hochintensivem fokussiertem Ultraschall funktioniert und welche Technik dabei eingesetzt wird, erfahren Sie unter HIFU-Therapie bei Urokompetenz.
Informationen zu Diagnostik, Operation, Bestrahlung und weiteren Behandlungsmöglichkeiten finden Sie unter Prostatakrebs – Diagnose und Behandlung.
Weitere Grundlagen zur Patientenauswahl und zum Unterschied zwischen fokaler Therapie und Prostataoperation werden in unserer Podcast-Folge Prostatakrebs – HIFU statt OP? Für wen die fokale Therapie geeignet ist erklärt.
Video zur Folge
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Mehr InformationenMedizinischer Hinweis
Diese Podcast-Folge dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die fokale HIFU-Therapie ist nicht für jeden Patienten mit Prostatakrebs geeignet. Ob eine solche Behandlung infrage kommt, hängt insbesondere von der Tumorausdehnung, dem Aggressivitätsgrad, den Ergebnissen von MRT und Biopsie, dem PSA-Wert sowie weiteren individuellen Faktoren ab. Auch nach einer fokalen Behandlung können Tumorreste, erneute Tumorbefunde oder behandlungsbedürftige Veränderungen auftreten. Die Auswahl des geeigneten Verfahrens und die notwendige Nachsorge sollten nach einer vollständigen urologischen Diagnostik und unter Berücksichtigung der aktuellen Leitlinien individuell festgelegt werden.